Geschichte der Kapelle in Habaching
Dr. Josef Freisl, Ortschronist
Geschichtlicher Überblick
Die Kapelle von Habaching steht in einem Weiler zwischen Obersöchering und Habach. Als Weiler bezeichnet man eine kleine Ansiedlung, die keine eigene Gemeinde bildet. Hier weist die Wortendung „-ing“ auf die Zugehörigkeit zum zuvor erwähnten Ort Habach hin, dem ehrwürdigen Chorherrenstift seit 1085. So kann man mit Recht annehmen, dass Habaching auch schon gut 1000 Jahre alt ist, wenn es auch keine urkundlichen Belege auf die Erstbesiedlung gibt. Die geschichtlichen Quellen zu Habaching sind spärlich.
Habaching bestand schon immer aus vier stattlichen Höfen, die dem Chorherrenstift Habach wirtschaftlich abgabepflichtig waren, kirchlich jedoch zu Söchering gehörten.
1756 beschreibt Pfarrer Franz Gailler in der Vindelicia Sacra die Pfarrgemeinden im damaligen Dekanat Weilheim. Zu Habaching und Söchering berichtet er folgendes: „Habaching ist ein Weiler, ca. eine halbe Stunde östlich von Obersöchering gelegen, zählt fünf Häuser.“ Über die Landwirtschaft in Söchering und Habaching berichtet er weiter: „Sie ernten viel Heu als Viehfutter. Daraus ergibt sich für die einheimischen Bauern vor allem für die Aufzucht und den Wiederverkauf von Vieh ein lebhaftes Geschäft. Allgemeine Klage gibt es nur über den Wassermangel in Söchering. Brunnenwasser ist äußerst spärlich vorhanden, und selbst das Regenwasser, das von den Dächern in vorbereitete Zisternen abfließt und sorgfältig gesammelt wird, ist schon nach wenigen Tagen Dürre aufgebraucht.“
Brunnen und hölzerne Wasserleitungen trockneten damals sofort aus, wenn es wenig regnete. Noch gab es keine zentrale Wasserversorgung wie heute.
Auch erwähnt Pfarrer Franz Gailler in seiner Beschreibung von 1756 eine hölzerne Kapelle unterhalb des Weilers Habaching am Weg nach Habach.
Eine Kapelle ist ein kleines, meist für gemeinschaftliche wie private Andachten, nicht aber für regelmäßige Messfeiern bestimmtes Gotteshaus.
Nach der Säkularisation von 1803 kam Habaching 1805 von der Pfarrei Söchering zur Pfarrgemeinde St. Ulrich Habach und nach 1808 mit der Bildung von Steuergemeinden politisch zu Obersöchering. So ist es seit über 200 Jahren bis heute.
Insgesamt dürften die Habachinger über die Jahrhunderte hinweg ein beschauliches, aber arbeitsreiches Leben mit wenig Veränderungen geführt haben. Große Katastrophen sind jedenfalls nicht überliefert.
Die erste Kapelle
Nach diesem geschichtlichen Überblick über den Ort wenden wir uns nun dem Bauwerk zu. Auch wenn über die Entstehungsgeschichte und das genaue Alter der ehemals hölzernen Kapelle nichts weiter überliefert ist, so wissen wir doch von Aufzeichnungen von 1842, dass diese alt und völlig baufällig geworden war. Auch war sie für die Bewohner des Weilers zu klein geworden. Mehr wissen wir nicht über den hölzernen Vorgängerbau der heutigen Kapelle.
Der Neubau der Kapelle
Da das alte Gotteshaus marode war, entschlossen sich die vier Bauernfamilien aus Habaching trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeit, gemeinsam eine neue Kapelle, diesmal aus Stein, beim Anger am Stücklhof zu errichten. Die Kosten dafür übernahmen die vier Familien. Namentlich ehrenden Gedenkens: Johann und Maria Spenesberger vom Stücklhof, Johann und Elisabeth Albrecht vom Mayrhof, Josef und Anastassia Kölbl vom Michlhof und Johann und Maria Panholzer vom Kölblhof.
„Zuerst musste der Bauplan vom Huglfinger Maurermeister Georg Höck zur gnädigsten Genehmigung der Regierung vorgelegt werden“, so die Aufzeichnungen.
Der flach gedeckte, einschiffige Bau mit eingezogener, halbrunder Apsis wurde vom Maurermeister Georg Höck und Zimmerermeister Johann Gilg aus Polling 1843/44 in Ziegelbauweise errichtet. Die neue Kapelle ist 8,2 m lang und 4,6 m breit. Im Westen über dem Eingang ist zwei Meter über dem Dachfirst ein quadratischer Dachreiter mit Schallläden für die zwei Glocken angebracht. Das Satteldach mit Biberschwanzziegeln über dem Innenraum bildet die Traufen an der Nord- und Südseite. Im Osten schließt ein Kegeldach die halbkreisförmige Apsis ab. Vor dem Eingang der Kapelle im Westen laden zwei große Linden zum Verweilen ein.
Der Altar in spätklassizistischer Form ist mit einer Muttergottesfigur aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gestaltet. Eventuell wurden der Altar und die Figuren aus dem Vorgängerbau übernommen.
Rechts neben dem Hochaltar findet sich eine Figur: Christus an der Geißelsäule, in Holz geschnitzt und gefasst, aus dem 18. Jahrhundert. Diesen Typus des erbarmenden Christus finden wir häufig in der Barockzeit. Hier sieht der Gläubige im Gottesknecht die Solidarität Gottes mit jedem, der leidet. Ähnliche Bedeutung hat auch die Figur des „Gegeißelten Heilands in der Wies“, so die Beschreibung von Pfarrer Fichtl.
Einweihung am 4. Juli 1844
Am Donnerstag, den 4. Juli 1844, dem Fest des hl. Ulrich, wurde die Kapelle feierlich benediziert. Da die Habacher am gleichen Tag ihren Patronatstag begingen und anschließend der große Markt im Dorf viele Besucher aus nah und fern anzog, begab sich die feierliche Prozession mit Kruzifix und Fahnen, angeführt vom Dekan Johann Alois Heigl, Pfarrer Grundler aus Habach und zwei Franziskanerpatres aus dem Kloster in Bad Tölz nebst vielen Gläubigen erst nachmittags um 1 Uhr nach Habaching. Auch der Pfarrer Augustin Sailer aus Aidling kam mit Kreuz und Fahne zur Kapelle. Pater Athanasius Hoiß OFM, ein gebürtiger Habacher, feierte die Messe und hielt die Predigt. Von den Musikanten aus Habach unter der Leitung von Schullehrer Göbl wurde der Gottesdienst musikalisch begleitet.
Zum Schluss wurde „Der Engel des Herrn“ von den vielen Gläubigen unter dem Geläut der Glocken laut gebetet. Um das freudige Ereignis weithin kundzutun, wurden im Anschluss einige Böllerschüsse abgefeuert. Und dies alles bei angenehmem Wetter, so wird berichtet.
„Dieser religiöse Akt wirkte mächtig auf die Gemüter der Bewohner von Habaching und die Mühen des Kapellenbaus verschwanden“, so Aufzeichnungen von damals. Die ausführlichen Aufzeichnungen über den Kapellenbau stammen vom damaligen Habacher Pfarrer Kaspar Grundler. Die Kapelle führt ein Doppelpatrozinium: Einerseits ist sie der Gottesmutter Maria, andererseits dem heiligen Ulrich, Bischof von Augsburg, geweiht.
Zwei Jahre später, am Pfingstmontag, den 1. Juni 1846, fand die Überführung einer Reliquie des hl. Johann von Nepomuk statt. Um den kostbaren Schatz zu transferieren, zogen von Habach ausgehend viele Gläubige aus dem gesamten Umkreis in feierlicher Prozession nach Habaching. Dort angelangt, wurde die Reliquie, eine Stiftung vom hochwürdigen Pater Guardian Franziskus Fritsch, dem Leiter des Tölzer Franziskanerklosters, im Altar eingesetzt.
Die Zeit um 1845
Nun blicken wir in die Zeit des Kapellenneubaus, also um 1844, über die Gemeindegrenzen hinweg in die Aufzeichnungen der Chronisten unserer Gegend.
Die vielfältigen Folgen der Säkularisation von 1803 in wirtschaftlicher, rechtlicher und sozialer Hinsicht mussten erst von der Bevölkerung verarbeitet werden: Das Chorherrenstift Habach war aufgelöst worden. Die zerstörerischen Einfälle französischer und tirolerischer Truppen bis 1809 wirkten sich noch lange aus. In Habach lagerten zum Beispiel wochenlang bis zu 300 Soldaten, die von der gleichen Anzahl von Einwohnern versorgt werden mussten. Außerdem verursachte 1845 ein mächtiges Hochwasser des Achgraben in den Habacher Mühlen schwere Schäden. In der Thomamühle stand das Wasser bis 1,3 Meter hoch. Schlehdorf brannte 1846 bei einem gewaltigen Föhnsturm fast vollständig ab. Murnau war ca. acht Jahre vorher von einem schrecklichen Brand in seiner Bausubstanz fast völlig zerstört worden. Häufige, heftige Wetterkapriolen verursachten Missernten. Armut, Hunger und Entbehrung waren die ständigen Begleiter großer Bevölkerungsteile.
Trotz harter Zeiten wurde der katholische Glaube gelebt und kirchliche Bräuche weiterhin gepflegt. So gingen um 1850 die Habachinger geschlossen mit einer eigenen Fahne nach Habach zu Festlichkeiten wie Fronleichnam und wurden vom Pfarrer am Ende des Fußweges von Habaching nach Habach empfangen und in die Kirche geleitet.
1902 kaufte die Gemeinde Obersöchering ordnungshalber die zwei Dezimal Grund, auf dem die Kapelle stand. Übrigens: Ein Dezimal ist ein altes bayerisches Maß von 34 m². Damit ging die Kapelle in den Besitz der Gemeinde über. Später wurde noch mehr Grund gekauft bis zu insgesamt 244 m².
Renovierung 1988
Der Zahn der Zeit hinterließ an diesem Kleinod seine Spuren. 1987 musste die Kapelle renoviert werden. Zum Abschluss der Maßnahmen zelebrierten Pfarrer Dekan Friedemann Fichtl von Habach und Pfarrer Hans Appel von Söchering im Juni 1988 gemeinsam die Heilige Messe. „Mit den Einnahmen aus dem anschließenden Kapellenfest konnte das Renovierungsdefizit kräftig reduziert werden“, so berichtete das Weilheimer Tagblatt über das Fest.
Renovierung 2022
2018 fand man bei einer Überprüfung der denkmalgeschützten Kapelle größere Schäden. Das Mauerwerk zeigte tiefe Risse, die zu statischen Problemen führten, da die Kapelle nur ca. 50 cm gründet. Besonders wenn die beiden Glocken läuteten, fiel Putz von der Decke. Aus Sicherheitsgründen wurde die Kapelle deshalb gesperrt. Jetzt half nach fachlicher Begutachtung nur noch eine grundlegende Sanierung. 1. Bürgermeister Reinald Huber von der Gemeinde Obersöchering ergriff die Initiative für die Sanierung. Fundamente und der Dachstuhl bildeten die Schwerpunkte der Renovierung. Vielfältige Baumaßnahmen wurden durchgeführt. Ein Großteil der Gesamtkosten von ungefähr 80.000 EUR konnte durch Spenden und Zuwendungen aufgebracht werden. Den Hauptteil steuerte die Gemeinde Obersöchering als Eigentümerin bei. Ebenfalls beteiligten sich die Pfarrei St. Ulrich sowie die bürgerliche Gemeinde Habach.
Am 25. September 2022 wurde die Kapelle St. Maria und St. Ulrich mit einer feierlichen Messe vom Pfarrer Pater Nikolaj Dorner OSB gesegnet und ihrer Bestimmung übergeben. Jetzt ist sie wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Damit sie noch mehr ins Blickfeld des Interesses rückt, will die Gemeinde den Weiler Habaching als Station ins Radwegenetz integrieren. Laut Pfarrer P. Nikolaj Dorner OSB soll das Patrozinium am Fest der Rosenkranzkönigin (7. Oktober) jährlich begangen werden.
Nach dem Gottesdienst feierten Söcheringer und Habacher gemeinsam ein gemütliches Kapellenfest, getreu dem barocken Leitspruch: „zuerst die Messe und dann die Maß.“
Ausblick
Eine Besonderheit Europas ist es, dass es quasi in jedem Dorf eine Kirche gibt. So ist auch die Kapelle von Habaching ein zum Bau gewordenes Zeugnis unserer christlichen Wurzeln und katholischen Glaubensidentität hier im Bayerischen Oberland. Kirchen sind Symbole des Zusammenhaltes unserer Gesellschaft im Zeichen des Kreuzes Jesu Christi und Herzstück unseres Gemeinwesens. Der tiefe Glaube hat die vier Bauern von Habaching damals vor ca. 180 Jahren bewogen, gemeinsam einen Raum in ihrer Mitte zu schaffen, in dem sie Gott nahe sein können – einen Ort, um Kraft zu schöpfen für den Alltag.
Möge diese Kapelle Ansporn sein, auch in schwierigen Zeiten solidarisch zueinander zu stehen. Denn in Gemeinschaft kann man mehr erreichen als allein. So hat diese kleine Kapelle schon bewirkt, dass durch Zusammenarbeit Großes geleistet werden kann. Gott mit uns – gemeinsam sind wir stark!
Der vollständige Bericht ist im Jahrbuch 2025 des Heimatverbandes Lech-Isar-Land erschienen.